Software & Collaboration

Grommunio

Grommunio ist eine quelloffene Groupware für Mail, Kalender und Kontakte mit Exchange-kompatiblen Schnittstellen, betrieben auf eigener Infrastruktur.

  • AGPL-3 + Subscription
  • Exchange-Alternative
  • Natives Outlook (MAPI/HTTP)
  • Mail, Kalender, Kontakte
  • EAS, EWS, CalDAV/CardDAV
Von Andreas Huser, Technische Beratung & Architektur Aktualisiert am 12 Min. Lesezeit

grommunio ist eine quelloffene Groupware für Mail, Kalender, Kontakte und Aufgaben, die als vollwertige Microsoft-Exchange-Alternative antritt. Entwickelt von der grommunio GmbH (Österreich), steht der Kern unter AGPL-3; produktionsreife Pakete und Support gibt es über eine kommerzielle Subscription.

Dieser Artikel erklärt das Alleinstellungsmerkmal (nativer Outlook-Anschluss über gromox), die unterstützten Protokolle, die Komponenten, die Exchange-Migration und AD-Anbindung, Architektur und Skalierung sowie die typischen Betriebsfehler. Datei-Zusammenarbeit (Sync & Share) ist ein eigenes Thema und rechts verlinkt.

1. gromox: nativer Outlook-Anschluss

Das Herzstück ist gromox, eine in C++ geschriebene Server-Komponente, die das eigentliche MAPI/HTTP-Drahtprotokoll implementiert, das auch Exchange spricht. Outlook für Windows verbindet sich damit wie mit einem Exchange-Server: kein Connector, kein Plugin, kein Middleware-Layer, Provisionierung per Autodiscover.

Genau das unterscheidet grommunio von anderer Open-Source-Groupware: Andere Lösungen binden Outlook über EWS oder einen Zusatz-Connector an, grommunio spricht das native MAPI-Protokoll server-seitig. Für eine echte Exchange-Ablösung mit bestehender Outlook-Landschaft ist das der entscheidende Punkt.

2. Unterstützte Protokolle

grommunio bedient die gängigen Mail- und Groupware-Protokolle, sodass nahezu jeder Client passt:

  • MAPI/HTTP native Outlook-Anbindung unter Windows.
  • Exchange ActiveSync (EAS) für mobile Geräte, über grommunio-sync.
  • EWS für Outlook unter macOS und weitere Clients.
  • IMAP/POP3/SMTP klassische Mail-Clients.
  • CalDAV/CardDAV Kalender und Kontakte über grommunio-dav.
  • Autodiscover automatische Kontoeinrichtung ohne manuelle Serverangaben.

3. Komponenten

Rund um gromox gruppieren sich: grommunio-web (Weboberfläche für Mail/Kalender/Kontakte), grommunio-admin (Web-Oberfläche, API und CLI für Verwaltung, LDAP-Sync, Quotas), grommunio-sync (ActiveSync) und grommunio-dav (CalDAV/CardDAV). Für Kollaboration sind als integrierte Forks chat, meet (Videokonferenz), files und office (Dokumentbearbeitung im Browser) enthalten; Spam- und Virenschutz übernehmen Rspamd und ClamAV. Identität und SSO laufen über OIDC/SAML (etwa mit Keycloak) und LDAP/AD, mit MFA per TOTP und WebAuthn.

4. Exchange-Migration und AD-Anbindung

Postfächer werden über eine zweistufige CLI-Pipeline importiert: gromox-pff2mt wandelt PST/OST in ein Zwischenformat, gromox-mt2exm spielt es ins Postfach. Für den Massenexport aus Exchange gibt es ein PowerShell-Skript. Die Benutzer kommen aus LDAP/Active Directory (mehrere Verzeichnisse möglich, Modus je Nutzer wählbar zwischen lokaler DB und LDAP).

gromox: PST-Import in ein Postfach

gromox-pff2mt archiv.pst | gromox-mt2exm -u benutzer@example.com

PST-Dateien vollständig schließen

Aktive PST/OST-Dateien ändern ihre Prüfsummen im Betrieb; ist die Datei noch geöffnet (auch durch einen Outlook-Hintergrundprozess), entstehen beschädigte Importe. Vor dem Import sicherstellen, dass Outlook samt Hintergrundprozessen wirklich beendet ist.

5. Architektur und Skalierung

Die Metadaten aller Domänen und Nutzer liegen in einer zentralen MariaDB (Galera-fähig), jedes Postfach selbst in einer eigenen SQLite-Datenbank; nginx ist Reverse Proxy vor gromox (die ActiveSync-Komponente nutzt zusätzlich Redis). Seit 2025 arbeitet grommunio als Share-Nothing-Cluster: Jeder Knoten arbeitet eigenständig, ein gemeinsames Dateisystem ist nicht mehr nötig; ein Loadbalancer (HAProxy/nginx) verteilt, Pacemaker/Corosync deckt Failover ab.

IPv6 ist Pflicht

Die gromox-Dienste binden ausschließlich auf IPv6-Sockets; IPv4-Adressen werden in IPv6-Notation angegeben. IPv6 muss auf dem System aktiv sein, mindestens auf dem Loopback. Das überrascht bei der Erstinstallation regelmäßig.

6. Einsatzfelder

  • Exchange-Ablösung bestehende Outlook-Landschaften ohne Client-Umstellung auf eine quelloffene Plattform migrieren.
  • DSGVO und Datenhaltung vollständiger On-Premises-Betrieb ohne Cloud-Abhängigkeit; im Einsatz unter anderem in der Open-Source-Collaboration-Lösung der Telekom.
  • Hosting/Multi-Tenant zentrale Verwaltung mehrerer Kunden-Domänen über eine Admin-Identität.

7. Best Practices und typische Fehler

  • DNS vorab korrekt FQDN, autodiscover-Eintrag und MX-Record müssen stimmen, das TLS-Zertifikat alle Namen abdecken (SAN/Wildcard).
  • TLS direkt nach Setup die Admin-Schnittstelle und alle Dienste auf TLS umstellen.
  • Dienste nach Updates neu starten Pakete starten Dienste nicht automatisch neu; nach Updates gezielt durchstarten.
  • Backup vollständig Mailbox-Daten, die MariaDB-Datenbanken und die Konfiguration sichern, idealerweise per Snapshot.

8. Stärken und Grenzen

StärkenGrenzen
Natives MAPI/HTTP: Outlook ohne Connector, echte Exchange-AblösungÖkosystem und Drittanbieter-Integrationen kleiner als bei Exchange/M365
Breite Protokollunterstützung (EAS, EWS, IMAP, CalDAV/CardDAV)Produktionsreife Pakete und Support setzen eine Subscription voraus
Vollständig on-prem, DSGVO-freundlich, AGPL-KernKollaborations-Module sind integrierte Forks (chat/meet/files), keine Eigenentwicklungen
Share-Nothing-Cluster, Multi-Tenant, Multi-LDAPWeb-Oberfläche stammt aus älterer Codelinie; Reife einzelner Teile prüfen
Etablierter Migrationsweg aus Exchange (PST/OST, AD)IPv6-Pflicht und Appliance-Eigenheiten erfordern Einarbeitung

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