Netzwerk & WAN
IPv6
IPv6 (RFC 8200) ist die aktuelle Version des Internetprotokolls mit 128 Bit langen Adressen, Autokonfiguration über SLAAC und Neighbor Discovery anstelle von ARP.
- 128-Bit-Adressraum
- SLAAC und Neighbor Discovery
- Ende-zu-Ende ohne NAT
- RFC 8200 (Internet Standard)
- Dual Stack mit IPv4
IPv6 ist die aktuelle Version des Internetprotokolls und löst die Adressknappheit von IPv4 mit 128 Bit langen Adressen. Über die schiere Adressmenge hinaus bringt es Geräte-Autokonfiguration, ein integriertes Nachbarschaftsprotokoll und die ursprüngliche Idee der Ende-zu-Ende-Erreichbarkeit ohne zwingendes NAT zurück.
Dieser Artikel erklärt Aufbau und Typen der Adressen, Neighbor Discovery als ARP-Nachfolger, den Adressbezug über SLAAC und DHCPv6, den Header samt der zwingenden Path MTU Discovery, das Fehlen von NAT, den Dual-Stack-Betrieb mit Happy Eyeballs sowie die Sicherheits-Fallstricke, die in der Praxis am häufigsten übersehen werden.
1. Mehr als nur mehr Adressen
IPv4 ist mit rund 4,3 Milliarden Adressen erschöpft, weshalb sich hinter einer öffentlichen Adresse heute oft viele Geräte per NAT verbergen. IPv6 beendet diese Knappheit: Ein einzelnes Standardsubnetz (/64) fasst mehr Adressen, als IPv4 insgesamt kennt.
Der eigentliche Unterschied liegt aber im Modell. IPv6 stellt die direkte Erreichbarkeit zwischen Endpunkten wieder her, vereinfacht die Autokonfiguration und macht das früher allgegenwärtige NAT entbehrlich. Das verlangt allerdings ein bewusstes Sicherheitskonzept, denn die Hosts sind nun grundsätzlich adressierbar.
2. Adressen lesen und schreiben
Eine IPv6-Adresse besteht aus acht Gruppen vierstelliger Hexadezimalzahlen, getrennt durch Doppelpunkte, etwa 2001:0db8:85a3:0000:0000:8a2e:0370:7334. Führende Nullen einer Gruppe dürfen entfallen, und eine einzige zusammenhängende Folge von Nullgruppen lässt sich einmal pro Adresse mit :: abkürzen.
Die Adresse teilt sich in einen Netzpräfix und eine Interface-ID. Das übliche Subnetz ist /64, also 64 Bit Präfix und 64 Bit Interface-ID. Diese feste Größe ist Voraussetzung für die Autokonfiguration per SLAAC.
3. Adresstypen
| Typ | Bereich | Rolle |
|---|---|---|
| Global Unicast (GUA) | 2000::/3 | global routbare Adressen |
| Unique Local (ULA) | fc00::/7 (praktisch fd00::/8) | private, lokal eindeutige Adressen |
| Link-Local | fe80::/10 | auf jedem Interface zwingend, nicht routbar |
| Multicast | ff00::/8 | ersetzt den Broadcast vollständig |
Kein Broadcast mehr
IPv6 kennt keinen Broadcast. Was früher Broadcast erledigte, läuft über definierte Multicast-Gruppen, etwa „alle Knoten“ oder „alle Router“ im Segment. Jedes Interface hat zudem immer eine Link-Local-Adresse.
4. Neighbor Discovery statt ARP
Die Adressauflösung übernimmt nicht mehr ARP, sondern das Neighbor Discovery Protocol über ICMPv6. Es bündelt mehrere Aufgaben in fünf Nachrichtentypen: Router Solicitation und Router Advertisement für die Router- und Präfixfindung, Neighbor Solicitation und Neighbor Advertisement für die Adressauflösung sowie Redirect. Vor Inbetriebnahme einer Adresse prüft ein Host mit der Duplicate Address Detection, ob sie im Segment schon vergeben ist.
5. Adressbezug: SLAAC, DHCPv6 und die RA-Flags
IPv6 kann Adressen ohne DHCP-Server vergeben. Bei SLAAC kündigt der Router per Router Advertisement das Präfix an, der Host bildet daraus mit einer Interface-ID seine Adresse. Zwei Flags im RA steuern den Modus: das M-Flag verweist auf eine vollständige Adressvergabe per DHCPv6 (stateful), das O-Flag auf zusätzliche Parameter wie DNS per DHCPv6 (stateless). DNS-Server lassen sich auch direkt im RA mitgeben (RDNSS).
Die Interface-ID stammte ursprünglich aus der MAC-Adresse (EUI-64), was Geräte über Netze hinweg verfolgbar machte. Moderne Systeme nutzen stattdessen stabile, aber undurchsichtige IDs und zusätzlich temporäre Adressen (Privacy Extensions), die regelmäßig wechseln. Für Server und Management ist das unpraktisch, weil eine stabile Adresse zum Protokollieren fehlt; dort sind feste Adressen oder DHCPv6 mit Logging die bessere Wahl.
6. Header und MTU: PMTUD ist Pflicht
Der IPv6-Basisheader ist mit 40 Byte fest und schlank; optionale Funktionen wandern in angehängte Extension Header. Anders als bei IPv4 fragmentieren Router unterwegs nicht mehr, das übernimmt allein der Absender. Die Mindest-MTU beträgt 1280 Byte.
Daraus folgt eine wichtige Betriebsregel: Path MTU Discovery muss funktionieren. Findet ein Paket keinen Weg, schickt ein Router eine ICMPv6-Nachricht „Packet Too Big“ zurück, woraufhin der Absender kleiner sendet. Wer ICMPv6 pauschal in der Firewall blockt, zerstört diesen Mechanismus: Der TCP-Handshake gelingt, aber die Verbindung hängt bei größeren Paketen. ICMPv6 darf nicht pauschal gefiltert werden.
7. Kein NAT, sondern Ende zu Ende
IPv6 ist ohne NAT gedacht: Jedes Gerät kann eine global gültige Adresse tragen, die direkte Erreichbarkeit ist wieder Normalfall. Den Schutz übernimmt nicht mehr die Adressumschreibung, sondern eine zustandsbehaftete Firewall. Für den seltenen Fall, dass ein Präfix dennoch übersetzt werden soll, etwa für Provider-Unabhängigkeit, gibt es NPTv6, eine zustandslose 1:1-Präfixübersetzung mit experimentellem Status. Ein Sicherheitsersatz für eine Firewall ist auch sie nicht.
8. Dual Stack und Happy Eyeballs
In der Übergangsphase laufen IPv4 und IPv6 parallel (Dual Stack). Damit die Wahl zwischen beiden für Nutzer unsichtbar bleibt, fragt ein Client nach dem Verfahren Happy Eyeballs beide Adressfamilien gleichzeitig ab und startet die Verbindung mit der, die zuerst antwortet, mit Vorrang für IPv6 und schnellem Rückfall auf IPv4. So gibt es keine spürbaren Verzögerungen, wenn ein Pfad klemmt.
9. Sicherheits-Fallstricke
IPv6 ist nicht unsicherer als IPv4, aber es hat eigene Stolpersteine, die in gemischten Netzen gern übersehen werden:
- Rogue RA jeder Host kann ein Router Advertisement senden und sich als Gateway ausgeben. Gegenmittel ist RA Guard auf den Switch-Ports, ergänzt um DHCPv6-Guard.
- NDP-Spoofing und -Exhaustion gefälschte Neighbor Advertisements vergiften den Cache; massenhafte Anfragen in ein riesiges /64 belasten Router und Caches.
- Ungefiltertes IPv6 wird nur IPv4 gefiltert, läuft IPv6 auf modernen Systemen offen mit. IPv6 braucht ein eigenes, gleichwertiges Regelwerk.
- Temporäre Adressen und Logging wechselnde Quelladressen erschweren Forensik und Zugriffskontrolle; für Server und Management feste Adressen verwenden.
Dual-Stack heißt doppelt absichern
Eine IPv4-Firewall schützt nicht vor IPv6-Angriffen. Penetrationstests, die nur eine Adresse prüfen, übersehen oft den IPv6-Pfad. IPv6 gehört von Anfang an mit eigenem Regelwerk, RA Guard und kontrolliertem ICMPv6 betrieben.
10. Stärken und Grenzen
| Stärken | Grenzen |
|---|---|
| Praktisch unbegrenzter Adressraum, Ende-zu-Ende-Erreichbarkeit | Übergangsphase erzwingt parallelen Dual-Stack-Betrieb |
| Autokonfiguration per SLAAC, schlanker fester Header | Eigene Sicherheits-Fallstricke (Rogue RA, NDP) erfordern Härtung |
| Neighbor Discovery ersetzt ARP, Multicast statt Broadcast | PMTUD zwingend; pauschal gefiltertes ICMPv6 bricht Verbindungen |
| Kein NAT nötig, Schutz über zustandsbehaftete Firewall | Temporäre Adressen erschweren Logging und Zugriffskontrolle |
| Herstellerneutral standardisiert (RFC 8200, Internet Standard) | In Dual-Stack-Netzen oft ungefiltert und vergessen |
Häufige Fragen zu IPv6
IPv6 ist bewusst ohne NAT konzipiert: Jedes Gerät kann eine global gültige Adresse tragen. Den Schutz übernimmt eine zustandsbehaftete Firewall, nicht die Adressumschreibung. Nur in Sonderfällen wie Provider-Unabhängigkeit gibt es mit NPTv6 eine zustandslose 1:1-Präfixübersetzung, die aber ebenfalls keine Firewall ersetzt.
IPv6 ungefiltert mitlaufen zu lassen. Auf modernen Betriebssystemen ist IPv6 standardmäßig aktiv. Wer nur IPv4 in der Firewall regelt, lässt IPv6 offen. IPv6 braucht ein eigenständiges, gleichwertiges Firewall-Regelwerk, RA Guard auf den Switches und gezielt freigegebenes ICMPv6.
Auch der Autor ist nur ein Mensch, dem Fehler unterlaufen können. Wenn in diesem Beitrag etwas nicht stimmt oder unklar ist, freuen wir uns über einen kurzen Hinweis über das Kontaktformular unten, wir prüfen und korrigieren das.
Der nächste Schritt
IPv6 im eigenen Haus richtig einsetzen?
Wir klären, ob und wie der Baustein zu Ihrer Infrastruktur passt, und sagen offen, wann sich der Aufwand lohnt und wann nicht.