Netzwerk & WAN

Anycast

Anycast kündigt dieselbe IP-Adresse von mehreren Standorten per BGP an; das Routing liefert Pakete automatisch zum topologisch nächsten Knoten.

  • Eine IP, viele Standorte
  • Routing zum nächsten Knoten
  • DDoS-Resilienz, impliziter Failover
  • DNS, CDN, öffentliche Resolver
  • über BGP angekündigt
Von Andreas Huser, Technische Beratung & Architektur Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit

Anycast ist ein Adressierungs- und Routingkonzept, bei dem dieselbe IP-Adresse von mehreren, geografisch verteilten Knoten gleichzeitig per BGP angekündigt wird. Das Routing liefert eingehende Pakete an den topologisch nächsten Knoten, nicht an alle, und realisiert so Nähe, Lastverteilung und Ausfallsicherheit über eine einzige Adresse.

Dieser Artikel erklärt die Funktionsweise über BGP, die Abgrenzung zu Unicast und Multicast, die typischen Einsatzfelder DNS, CDN und DDoS-Resilienz sowie die Grenzen bei zustandsbehafteten Verbindungen und im Monitoring.

1. Funktionsweise

Jeder Anycast-Knoten kündigt dasselbe IP-Präfix per BGP an. Die normale BGP-Pfadauswahl (längster Präfix-Match, kürzester AS-Path und so weiter) sorgt dafür, dass jeder Anfragende beim für ihn nächstgelegenen Knoten landet. Fällt ein Knoten aus und zieht sein Announcement zurück, routet das Netz automatisch zum nächsten verbleibenden Knoten, der Failover ist also dem Verfahren bereits eingebaut.

Anycast macht Failover zur Eigenschaft des Routings statt zur Aufgabe einer separaten Umschaltlogik: Verschwindet ein Standort aus der BGP-Tabelle, ist der nächste schon da.

2. Abgrenzung zu Unicast und Multicast

  • Unicast ein Sender, ein fest adressierter Empfänger, der Normalfall.
  • Anycast ein Sender, einer von mehreren gleichwertigen Empfängern (der nächste).
  • Multicast ein Sender, eine ganze Empfängergruppe gleichzeitig.

3. Einsatzfelder

DNS ist der klassische Anwendungsfall: Die DNS-Root-Server und große öffentliche Resolver (etwa 1.1.1.1, 8.8.8.8, 9.9.9.9) laufen als Anycast über hunderte bis tausende Instanzen. CDNs nutzen Anycast, um Anfragen an den nächsten Edge zu lenken. Bei DDoS verteilt sich der Angriffstraffic über alle Knoten, statt einen einzelnen zu überrollen, das ersetzt aber keine ausreichende Gesamtkapazität.

4. Grenzen

Bei zustandsbehafteten TCP-Langverbindungen kann ein Routingwechsel die Sitzung zu einem anderen Knoten umlenken und damit abbrechen; für UDP-basiertes DNS ist das unkritisch. Auch das Monitoring ist anspruchsvoller, weil ein Ping oder Traceroute nur einen der Knoten erreicht. Anycast setzt zudem ein eigenes AS und Kontrolle über die BGP-Ankündigungen voraus.

5. Stärken und Grenzen

StärkenGrenzen
Nähe, Lastverteilung und Failover über eine einzige IPSetzt eigenes AS und BGP-Kontrolle voraus
Verteilt DDoS-Last über alle KnotenKein Ersatz für ausreichende Gesamtkapazität
Bewährt für DNS und CDNUngeeignet für klebrige TCP-Sessions; Monitoring je Knoten nötig

Häufige Fragen zu Anycast

Für CDN-Edges und kurze, zustandslose Anfragen ja. Für lange, zustandsbehaftete TCP-Sessions ist Vorsicht geboten, weil ein Routingwechsel die Verbindung zu einem anderen Knoten umlenken und abbrechen kann. In der Praxis kombiniert man Anycast oft mit Load Balancing an jedem Standort.

In der Regel ja. Anycast lebt davon, dasselbe Präfix von mehreren Standorten per BGP anzukündigen; das erfordert eigenen Adressraum und ein autonomes System oder einen Dienstleister, der das für Sie übernimmt.

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