Netzwerk & WAN

BGP

Das Border Gateway Protocol ist das Routing-Protokoll, mit dem getrennte Netze im Internet austauschen, über welche Wege sie erreichbar sind.

  • Pfadvektor (Inter-AS)
  • Routing-Protokoll des Internets
  • Multihoming & Peering
  • Sicherheit via RPKI/ROV
  • MP-BGP: IPv6, VPN, EVPN
Von Andreas Huser, Technische Beratung & Architektur Aktualisiert am 14 Min. Lesezeit

Das Border Gateway Protocol (BGP) ist das Routing-Protokoll, mit dem die autonomen Systeme des Internets austauschen, über welche Wege ihre Netze erreichbar sind. Es ist ein Pfadvektor-Protokoll: Jede Route trägt die vollständige Liste der durchlaufenen AS-Nummern (AS_PATH), womit Schleifen erkannt und vor allem Richtlinien durchgesetzt werden.

Dieser Artikel erklärt das Grundprinzip (AS, eBGP/iBGP, TCP), die wichtigsten Pfad-Attribute und die Best-Path-Auswahl, wie iBGP über Route Reflectors skaliert, warum BGP bewusst langsam konvergiert und wie man das beschleunigt, und vor allem die Sicherheit: RPKI, Präfix-Filter und der Schutz vor Route-Hijacks. BGP ist mächtig, aber Fehlkonfiguration hat schnell weltweite Folgen.

1. Wie BGP funktioniert: AS, eBGP und iBGP

BGP verbindet autonome Systeme (AS), also Netze unter einheitlicher Verwaltung, jedes mit einer eindeutigen AS-Nummer (ASN; heute 32 Bit, früher 16 Bit). Die Sitzung läuft über TCP auf Port 179, BGP überlässt damit die Zuverlässigkeit dem Transport und schickt nur inkrementelle Updates statt periodischer Voll-Tabellen.

eBGP verbindet Router verschiedener AS, iBGP Router innerhalb desselben AS. Schleifen erkennt BGP über den AS_PATH: Sieht ein Router seine eigene AS-Nummer in einer empfangenen Route, verwirft er sie. Ein wichtiger Unterschied: iBGP-gelernte Routen werden nicht automatisch an weitere iBGP-Nachbarn weitergegeben, daraus folgt das Full-Mesh-Problem weiter unten.

2. Pfad-Attribute

Die Steuerung in BGP läuft über Attribute, die an jede Route hängen. Die wichtigsten:

AttributWirkung
AS_PATHListe der durchlaufenen AS; Schleifenschutz und Inbound-Steuerung (Prepending verlängert den Pfad künstlich)
NEXT_HOPnächster Router-Hop; bei iBGP oft per next-hop-self zu setzen
LOCAL_PREFnur intern (iBGP), höher gewinnt; das Mittel für die Ausgangs-Steuerung (Outbound)
MEDEmpfehlung an das Nachbar-AS, welchen Eingang es nehmen soll; niedriger gewinnt (Inbound, unverbindlich)
Communities / Large CommunitiesMarkierungen für Richtlinien (z. B. Blackhole, Prepend-Wunsch); Large Communities tragen 32-Bit-ASNs

3. Best-Path-Auswahl

Kennt ein Router mehrere Wege zum selben Ziel, wählt er den besten anhand einer festen Reihenfolge. Vereinfacht: auf Cisco-Geräten zuerst das herstellerspezifische WEIGHT (höher gewinnt, nur lokal), dann der höchste LOCAL_PREF, der kürzeste AS_PATH, der niedrigste ORIGIN-Typ (IGP vor EGP vor Incomplete), der niedrigste MED (per Default nur zwischen Pfaden desselben Nachbar-AS), dann eBGP vor iBGP, die niedrigste IGP-Metrik zum NEXT_HOP, zuletzt Tiebreaker wie die niedrigste Router-ID.

Praktische Folge: Ausgehenden Verkehr steuert man über LOCAL_PREF (intern, wirksam), eingehenden nur indirekt über AS_PATH-Prepending oder Provider-Communities, MED ist meist nur zwischen Pfaden desselben Nachbar-AS wirksam und unverbindlich.

4. iBGP skalieren: Route Reflectors und Confederations

Weil iBGP-Routen nicht zwischen iBGP-Nachbarn weitergereicht werden, müssten ohne Zusatzmechanismus alle iBGP-Router voll vermascht sein, das wächst quadratisch und skaliert nicht. Zwei Lösungen: Route Reflectors reichen iBGP-Routen kontrolliert an ihre Clients weiter (Schleifenschutz über Originator-ID und Cluster-Liste); Confederations teilen ein großes AS in mehrere Member-AS, die nach außen als eines erscheinen.

5. Stabilität und Konvergenz

BGP konvergiert bewusst langsam: Über die Hold-Time (oft 180 s) wird ein toter Nachbar erst spät erkannt, im ungünstigen Fall dauert die Konvergenz Minuten. BFD beschleunigt die Ausfallerkennung auf unter eine Sekunde. Graceful Restart hält den Forwarding-Zustand über einen BGP-Neustart, Maximum-Prefix schützt vor versehentlich angekündigten Voll-Tabellen, und Route Flap Damping (mit angepassten, nicht den aggressiven Default-Schwellen) dämpft instabile Präfixe.

Zur Größenordnung: Die globale BGP-Tabelle umfasst 2026 über eine Million IPv4-Präfixe und mehr als 240.000 IPv6-Präfixe. Ein Router mit voller Tabelle braucht entsprechend Speicher; Geräte mit altem 512k-FIB-Limit reichen nicht mehr.

6. Sicherheit: RPKI, Filter und Hijack-Schutz

BGP vertraut von Haus aus den Ankündigungen seiner Nachbarn, das ist die Wurzel von Route-Hijacks und Route-Leaks (von YouTube 2008 bis zu großflächigen Vorfällen in jüngerer Zeit). Die zentrale Gegenmaßnahme ist die RPKI: Präfix-Inhaber signieren in einer ROA, welches AS ihren Präfix ankündigen darf; Router führen Route Origin Validation durch und verwerfen als ungültig (invalid) erkannte Routen.

Dazu kommen klassische, gepflegte Präfix- und AS-PATH-Filter (keine privaten oder nicht-routbaren Präfixe annehmen), Maximum-Prefix-Limits, TTL-Security (GTSM) und TCP-AO statt MD5 für die Sitzung. RPKI/ROV deckt nur den Ursprung ab; gegen Route-Leaks auf dem Pfad zielt das neuere ASPA, das aber noch im Standardisierungsprozess ist.

RPKI ist kein optionales Extra mehr. Wer eigene Präfixe ankündigt, legt ROAs an; wer Routen annimmt, verwirft RPKI-invalid. Ohne das ist man Teil des Hijack-Problems statt der Lösung.

7. Einsatz: Multihoming, Peering, VPN

Der häufigste Grund für BGP im Unternehmen ist Multihoming: Mit eigenem AS und eigenen, anbieterunabhängigen Präfixen bleibt ein Standort über mehrere Provider erreichbar und schwenkt bei Ausfall automatisch um. Auf Internet-Knoten (IXP) tauschen Netze über eBGP direkt Verkehr aus (Peering).

Über MP-BGP trägt dasselbe Protokoll auch andere Adressfamilien: IPv6, die VPN-Routen von MPLS-L3VPN (mit Route Distinguisher und Route Targets) und EVPN. BGP ist damit weit mehr als reines Internet-Routing, Details dazu im MPLS-Artikel.

Cisco IOS: eBGP-Nachbar mit Schutzmechanismen

router bgp 64500
 neighbor 203.0.113.1 remote-as 64501
 address-family ipv4 unicast
  neighbor 203.0.113.1 maximum-prefix 1000000
  neighbor 203.0.113.1 prefix-list CUST-IN in
  neighbor 203.0.113.1 ttl-security hops 1
 exit-address-family

8. Typische Fehler in der Praxis

  • Fehlende oder veraltete Filter ohne gepflegte Präfix-/AS-PATH-Filter werden Fehlkonfigurationen und Hijacks akzeptiert. Filter (idealerweise IRR-basiert) gehören aktualisiert.
  • Kein RPKI / kein ROV wer invalid-Routen nicht verwirft, übernimmt fremde Fehler und Angriffe ungeprüft.
  • LOCAL_PREF und MED verwechselt LOCAL_PREF steuert ausgehend (intern), MED schlägt eingehend etwas vor (unverbindlich). Verwechslung führt zu asymmetrischem Verkehr.
  • Fehlendes next-hop-self bei iBGP der eBGP-NEXT_HOP ist intern nicht auflösbar, Routen werden unbrauchbar.
  • Kein Maximum-Prefix ein Nachbar, der versehentlich die Voll-Tabelle ankündigt, kann den Router überlasten.

9. Stärken und Grenzen

StärkenGrenzen
Einziges, universell unterstütztes Inter-AS-ProtokollKonvergiert bauartbedingt langsam (ohne BFD Minuten bis zur Erkennung)
Sehr granulare Richtliniensteuerung über AttributeHohe Konfigurations- und Filterpflege-Komplexität
Skaliert auf über eine Million PräfixeKein eingebauter Schutz des Pfads; Sicherheit erst über RPKI (Ursprung) und künftig ASPA
MP-BGP trägt IPv6, MPLS-VPN und EVPN über dieselbe MaschinerieFehlkonfiguration kann großflächige Ausfälle/Leaks verursachen
Grundlage für anbieterunabhängiges MultihomingFür eine einzelne Anbindung ohne Redundanz überdimensioniert

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