Netzwerk & WAN

MPLS

MPLS (Multiprotocol Label Switching) leitet Pakete anhand kurzer Labels statt anhand der IP-Zieladresse weiter und schafft so vorbestimmte Pfade durch das Netz.

  • Label-Switching (Layer 2,5)
  • Traffic Engineering
  • VPN-Dienste (L3VPN/L2VPN)
  • Schnelle Konvergenz (TI-LFA)
  • Herstellerneutral (IETF)
Von Andreas Huser, Technische Beratung & Architektur Aktualisiert am 15 Min. Lesezeit

MPLS (Multiprotocol Label Switching) ist kein Routing-Protokoll, sondern eine Forwarding-Technik: Pakete werden nicht an jedem Knoten per IP-Lookup geroutet, sondern am Eingang des Netzes einmalig einer Klasse zugeordnet und mit einem kurzen Label versehen. Alle weiteren Knoten entscheiden nur noch anhand dieses Labels. Weil MPLS zwischen Layer 2 und Layer 3 sitzt und beliebige Nutzlasten trägt, spricht man von „Layer 2,5“.

Dieser Artikel erklärt, wie Labels, Label-Stack und Pfade (LSPs) funktionieren, wie die Labels verteilt werden (LDP, RSVP-TE, BGP, Segment Routing), welche Dienste auf MPLS aufsetzen (L3VPN, L2VPN, EVPN), wie Traffic Engineering und schnelle Konvergenz gelingen und wohin sich MPLS mit SR-MPLS und SRv6 aktuell entwickelt.

1. Was MPLS ist: Label-Switching statt IP-Lookup

Im klassischen IP-Netz trifft jeder Router für jedes Paket eine eigene Routing-Entscheidung anhand der Zieladresse. MPLS verlagert diese Entscheidung an den Rand: Der Eingangsrouter ordnet das Paket einer Forwarding Equivalence Class (FEC) zu, also einer Gruppe von Paketen, die gleich behandelt werden, und kodiert das Ergebnis als Label. Im Kern wird dann nur noch das Label getauscht, ein schneller, einfacher Lookup.

MPLS trennt dabei sauber zwischen Control Plane (welche Labels gelten und wohin sie zeigen, gestützt auf ein IGP wie OSPF/IS-IS plus ein Label-Verteilungsverfahren) und Data Plane (das eigentliche Label-Switching). Ein wichtiger Effekt: Die Kernrouter (P-Router) müssen die Routing-Tabellen der Kunden nicht kennen, sie schalten nur Labels. Das hält den Kern schlank und skalierbar.

2. Das MPLS-Label

Ein MPLS-Label ist ein 32 Bit langer Eintrag, der vor die Nutzlast gesetzt wird. Mehrere Labels lassen sich stapeln (Label-Stack), was die Grundlage für VPNs und Tunnel ist: ein äußeres Transport-Label bringt das Paket durch den Kern, ein inneres Label ordnet es am Ziel dem richtigen Dienst zu.

FeldBitsFunktion
Label20Label-Wert (rund 1 Million mögliche Werte)
Traffic Class (TC)3QoS-Markierung (früher „EXP“), bis zu 8 Klassen
Bottom of Stack (S)1markiert das unterste Label im Stapel
TTL8Time to Live, analog zu IP

Reservierte Labels und ECMP

Einige Label-Werte sind reserviert, etwa 3 (Implicit NULL), das Penultimate Hop Popping signalisiert und nie im Paket erscheint. Weil Transit-Knoten nur das oberste Label sehen und die inneren Header nicht inspizieren, verteilt ECMP ohne Hilfe ungleich; ein Entropy Label (RFC 6790) trägt dafür eigens einen hochentropen Wert, an dem der Kern fair auf parallele Pfade verteilt.

3. Pfade und Rollen: LSP, LSR und LER

Der Weg, den ein Paket durch das MPLS-Netz nimmt, heißt LSP (Label Switched Path) und ist gerichtet. An jedem Knoten wird das oberste Label getauscht (swap), neu aufgelegt (push) oder entfernt (pop). Verbreitet ist das Penultimate Hop Popping: Schon der vorletzte Router entfernt das Transport-Label, sodass der Ausgangsrouter direkt die Nutzlast bzw. das innere Label sieht.

Die Rollen im Provider-Netz: LER bzw. PE-Router am Rand legen Labels auf und entfernen sie, LSR bzw. P-Router im Kern schalten nur Labels, der CE-Router beim Kunden spricht selbst kein MPLS.

4. Wie die Labels verteilt werden (Control Plane)

Die Label-Bindungen müssen netzweit bekannt gemacht werden. Dafür gibt es mehrere Verfahren, die sich in Funktionsumfang und Komplexität unterscheiden:

VerfahrenFunktionGrenzen / Hinweis
LDP (RFC 5036)verteilt Labels entlang der IGP-Kürzestpfade, einfach aufzusetzenkein Traffic Engineering; Synchronisationsfallen zwischen IGP und LDP
RSVP-TE (RFC 3209)explizite Pfade und Bandbreitenreservierung (Traffic Engineering)hält pro LSP Zustand auf jedem Transit-Knoten, skaliert schwer
BGP-Labeled-Unicast (RFC 8277)verteilt Labels zusammen mit Präfixen, u. a. für Inter-AS-VPNsergänzt die IGP-getriebene Verteilung, ersetzt sie nicht
Segment Routing (RFC 8402)Labels direkt über IGP-Erweiterungen, kein separates LDP/RSVPmoderner Standard; Transit-Knoten brauchen keinen Pfad-Zustand

5. Segment Routing: die moderne MPLS-Steuerung

Segment Routing (SR-MPLS) ist die aktuelle Antwort auf die Komplexität von LDP und RSVP-TE. Statt Pfad-Zustand in jedem Router zu pflegen, kodiert der Eingangsrouter den gewünschten Weg als geordnete Liste von Segment-IDs direkt in den Label-Stack. Verteilt werden diese Segmente über Erweiterungen des vorhandenen IGP (OSPF/IS-IS), ein separates LDP oder RSVP entfällt also.

Es gibt im Wesentlichen zwei Segmenttypen: die global gültige Prefix-/Node-SID, die einen Router adressiert, und die lokale Adjacency-SID, die eine bestimmte Verbindung erzwingt. Aus ihnen lässt sich jeder Pfad zusammensetzen. Für Traffic Engineering bündelt eine SR-Policy einen Pfad unter einer einzigen Binding-SID, sodass vorgelagerte Knoten den Weg nicht kennen müssen.

Segment Routing kehrt das Modell um: Der Pfad steht als Label-Liste im Paket, nicht als Zustand in jedem Router. Damit entfallen LDP und RSVP-TE als separate Protokolle, und der Kern wird einfacher und besser skalierbar.

6. Dienste über MPLS: L3VPN, L2VPN und EVPN

Der eigentliche Wert von MPLS liegt in den Diensten, die es trägt, alle über denselben Backbone:

  • L3VPN (RFC 4364) der wichtigste MPLS-Dienst. Jeder Kunde bekommt am PE-Router eine eigene VRF-Routingtabelle; ein Route Distinguisher trennt überlappende IP-Bereiche verschiedener Kunden, Route Targets steuern, welche Routen in welche VRF gelangen. Die VPN-Routen tauscht MP-BGP zwischen den PE-Routern aus, der Kern sieht nur Labels.
  • L2VPN (Pseudowire/VPLS) transportiert Layer-2-Verkehr über MPLS: ein Pseudowire (VPWS) als Punkt-zu-Punkt-Leitung, VPLS als über mehrere Standorte emuliertes Ethernet-LAN.
  • EVPN über MPLS (RFC 7432) lernt MAC-Adressen über die Control-Plane (MP-BGP) statt per Fluten und beherrscht Aktiv/Aktiv-Multihoming, der modernere Nachfolger von VPLS.

7. Traffic Engineering und QoS

Standard-Routing folgt immer dem kürzesten Pfad, auch wenn der überlastet ist. Traffic Engineering bricht das auf. Klassisch legt RSVP-TE dafür explizite Tunnel mit reservierter Bandbreite an, hält aber auf jedem Transit-Knoten Zustand pro Tunnel. Moderner erledigt das eine SR-Policy zustandslos: Der Pfad steckt als Segment-Liste im Paket, die Kernrouter müssen nichts darüber wissen.

Für Dienstgüte trägt jedes Label drei Traffic-Class-Bits, womit sich bis zu acht Verkehrsklassen unterscheiden lassen (DiffServ über MPLS). So wird Sprach- oder Echtzeitverkehr bevorzugt behandelt, ohne dass der Kern in die IP-Header schauen muss.

8. Schnelle Konvergenz: Fast ReRoute und TI-LFA

Fällt eine Verbindung aus, soll der Verkehr in Millisekunden umgeleitet werden, nicht erst nach der Neuberechnung des Routings. MPLS Fast ReRoute (RFC 4090) hält dafür vorab Backup-Pfade bereit (Bypass- oder Detour-Tunnel), auf die der erkennende Router sofort umschaltet.

Mit Segment Routing kommt TI-LFA (Topology-Independent Loop-Free Alternate) hinzu: Es berechnet für nahezu jede Topologie einen schleifenfreien Ausweichpfad vorab und kodiert ihn als kurze Segment-Liste. Anders als ältere LFA-Verfahren deckt es praktisch alle Ausfallszenarien ab.

Die Backup-Pfade sind vorberechnet und vorinstalliert, sodass der Verkehr lange vor der IGP-Neukonvergenz umgeleitet wird. Die oft genannten 50 Millisekunden sind dabei ein Auslegungsziel, keine garantierte Eigenschaft: Erreichbar sind sie nur mit hardware-gestütztem BFD, passender QoS und vorberechneten Pfaden, nicht auf jeder Standard-Ethernet-Strecke.

9. MTU: die unterschätzte Falle

Jedes Label kostet 4 Byte, und der Stack wächst in der Praxis schnell: das Transport-Label, bei LDP über RSVP-TE oder aktivem Fast ReRoute weitere, dazu das VPN-Service-Label und gegebenenfalls ein Entropy-Label-Paar. So liegen real rasch mehrere Labels übereinander:

SzenarioLabels
LDP/RSVP-TE, reiner Transport (kein VPN)1
LDP über RSVP-TE2 und mehr
zusätzlich Fast ReRoute aktiv3 und mehr
zusätzlich VPN-Service-Label4 und mehr
zusätzlich Entropy Label (ELI + EL)+2

Jumbo Frames im Kern

Passt die Port-MTU nicht zur Summe aus Nutzlast, Label-Stack und Layer-2-Overhead, entstehen stille Paketverluste, einer der häufigsten und am schwersten zu findenden MPLS-Fehler. Deshalb gehören Jumbo Frames (1600 bis 9000 Byte) auf die Core-Links, PMTUD auf die Sessions, und die tatsächliche MTU sollte per OAM (LSP-Ping, RFC 8029) verifiziert werden.

10. Sicherheit: Isolation ist keine Verschlüsselung

MPLS trennt Kunden sauber über Labels und VRFs, verschlüsselt den Verkehr aber nicht. Die VPN-Isolation ist kein Vertraulichkeitsschutz; wer beides gleichsetzt, irrt. Für Vertraulichkeit kommen MACsec hop-by-hop auf den Strecken, IPsec als Overlay oder TLS auf Anwendungsebene hinzu.

Dazu gehört der Schutz der Steuerebene: Die Sitzungen von LDP und BGP sollten abgesichert sein (heute TCP-AO statt des veralteten TCP-MD5), und der Zugriff über reservierte Labels und LSP-Ping gehört rate-limitiert und gefiltert, damit niemand gezielt die Control Plane belastet.

11. Status und moderne Entwicklung

MPLS ist ausgereift, aber nicht stehen geblieben. Für neue Netze ist SR-MPLS der Standardweg und löst LDP und RSVP-TE zunehmend ab, meist per Software-Upgrade auf vorhandener Hardware.

Parallel setzt SRv6 (RFC 8986) Segment Routing direkt auf IPv6 statt auf MPLS-Labels. Es wächst vor allem in Greenfield-, 5G- und KI-Rechenzentrumsnetzen, während klassisches SR-MPLS in bestehenden Carrier-Backbones dominiert; beide werden noch lange koexistieren.

Im Unternehmens-WAN übernimmt zunehmend SD-WAN über günstige Internetleitungen Aufgaben, für die früher ein eingekauftes MPLS-L3VPN nötig war. Gefragt bleibt MPLS dort, wo zugesicherte Güte, niedrige Latenz und saubere Mandantentrennung über viele Standorte zählen. Im modernen Rechenzentrum hingegen dominiert EVPN-VXLAN, nicht MPLS.

12. Stärken und Grenzen

StärkenGrenzen
Forwarding per Label ohne IP-Lookup im Kern; P-Router brauchen keine KundenroutenKomplexe Control-Plane (IGP + LDP + RSVP-TE + BGP); Segment Routing vereinfacht das
Traffic Engineering: explizite Pfade und Bandbreite (RSVP-TE) oder zustandslos (SR)RSVP-TE hält pro LSP Zustand auf jedem Transit-Knoten und skaliert schwer
Trägt VPN-Dienste über einen Backbone: L3VPN, L2VPN/VPLS, EVPNLDP allein kann kein Traffic Engineering und bringt IGP-/LDP-Synchronisationsfallen mit
Multiprotokollfähig: IPv4, IPv6 und Layer-2-Verkehr als NutzlastIm Unternehmens-WAN zunehmend durch SD-WAN über Internet ergänzt oder ersetzt
Schnelle Konvergenz mit (TI-)LFA/FRR über vorinstallierte Backup-PfadeIm modernen Rechenzentrum kaum genutzt (dort dominiert EVPN-VXLAN)
Herstellerneutral standardisiert (IETF)SRv6 etabliert sich als label-freie IPv6-Alternative (vor allem Greenfield)

13. Typische Einsatzfelder

EinsatzfeldRolle von MPLS
Carrier-/Provider-Backbonedominantes Forwarding; SR-MPLS löst LDP/RSVP ab
Unternehmens-WANeingekauftes L3VPN mit zugesicherter Güte; im Wandel durch SD-WAN
Carrier-Ethernet / MetroPseudowires und EVPN über MPLS
5G-Transport / KI-DC-AnbindungSR-MPLS oder zunehmend SRv6
Modernes Rechenzentrumkaum noch MPLS; dort dominiert EVPN-VXLAN

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