Netzwerk & WAN

MPLS-TE

MPLS Traffic Engineering (MPLS-TE) legt Pfade durch ein MPLS-Netz gezielt nach Bandbreite und Auslastung fest, statt nur dem kürzesten Weg zu folgen.

  • Constraint-basierte Pfade (CSPF)
  • Bandbreitenreservierung pro LSP
  • Fast ReRoute unter 50 ms
  • DiffServ-aware TE
  • Ablösung durch SR-Policy
Von Andreas Huser, Technische Beratung & Architektur Aktualisiert am 12 Min. Lesezeit

MPLS-TE (MPLS Traffic Engineering) erweitert MPLS um die gezielte Steuerung, über welche Wege Verkehr fließt. Ein reines IGP wählt immer den metrisch kürzesten Pfad und ignoriert, ob dieser Pfad noch Bandbreite frei hat. So entstehen Engpässe auf einer Strecke, während parallele Wege ungenutzt bleiben. MPLS-TE legt stattdessen Tunnel (TE-LSPs) nach Bandbreite und weiteren Vorgaben.

Dieser Artikel erklärt die klassische Signalisierung über RSVP-TE, die Pfadberechnung per CSPF auf der TE-Datenbank, den schnellen Schutz über Fast ReRoute, DiffServ-aware TE, das Skalierungsproblem des per-LSP-Zustands und warum Segment Routing diese Aufgabe zunehmend schlanker und zustandslos übernimmt.

1. Warum MPLS-TE: das IGP sieht keine Bandbreite

Klassisches Routing optimiert eine additive Metrik (kürzester Pfad) und berücksichtigt weder Kapazität noch aktuelle Last. Das Ergebnis: Ein Link wird überlastet, obwohl machbare Alternativpfade mit freier Kapazität existieren (so bereits RFC 2702 und RFC 3272). MPLS-TE adressiert genau das, indem es Verkehrströme als Tunnel gezielt über Pfade legt, die definierte Bedingungen (allen voran verfügbare Bandbreite) erfüllen.

2. RSVP-TE: Tunnel signalisieren

Klassisch werden TE-LSPs über RSVP-TE (RFC 3209) aufgebaut. Der Headend-Router schickt eine Path-Nachricht Richtung Ziel, das Tail-End antwortet mit Resv und bindet hop-by-hop die Labels. Wichtige Bausteine: das ERO (Explicit Route Object) gibt den Pfad als Folge von Strict- oder Loose-Hops vor, die Bandbreite wird auf jedem Transit-Knoten reserviert, und über Setup-/Hold-Priorität kann ein wichtiger Tunnel einen unwichtigeren verdrängen (Preemption).

Damit eine Re-Optimierung den Verkehr nicht unterbricht, nutzt RSVP-TE Make-before-break: Der neue Pfad wird aufgebaut und der Verkehr umgeschwenkt, bevor der alte abgebaut wird (Shared-Explicit-Reservierung verhindert dabei doppelte Bandbreitenbuchung).

3. CSPF und die TE-Datenbank

Den Pfad berechnet der Headend per CSPF (Constrained SPF): Aus der Topologie werden zuerst alle Links entfernt, die eine Bedingung verletzen (zu wenig freie Bandbreite, falsche Affinität, ausgeschlossene Hops), dann läuft SPF auf dem Rest. Grundlage ist die TE-Datenbank (TED), die getrennt vom normalen IGP gepflegt und über TE-Erweiterungen der IGPs gefüllt wird: OSPF-TE (RFC 3630) und IS-IS (RFC 5305) verteilen je Link maximale und reservierbare Bandbreite, die noch freie Bandbreite je Priorität, eine eigene TE-Metrik und Administrative Groups (Link-Farben für Affinitäten).

Zentrale Pfadberechnung

Die Berechnung muss nicht am Headend liegen: Über ein PCE (Path Computation Element, RFC 4655) lässt sich CSPF auf einen zentralen Server auslagern, was besonders über Area- oder AS-Grenzen hinweg hilft.

4. Fast ReRoute: Schutz unter 50 ms

Fast ReRoute (RFC 4090) schützt TE-LSPs durch vorab signalisierte Umleitungen, sodass ein Point of Local Repair bei einem Ausfall lokal und ohne Signalisierung sofort umschaltet, im Bereich von Millisekunden. Zwei Verfahren: Facility Backup (ein Bypass-Tunnel schützt per Label-Stacking alle LSPs über einen Link/Knoten, skaliert gut) und One-to-One (ein eigener Detour je LSP, feiner, aber zustandsintensiv).

  • Link Protection umgeht nur den ausgefallenen Link.
  • Node Protection umgeht zusätzlich den nächsten Router, schützt also auch gegen dessen Ausfall.

5. DiffServ-aware TE

Klassisches TE reserviert Bandbreite pro Tunnel, unterscheidet aber keine Verkehrsklassen. DiffServ-aware TE (RFC 4124, aufbauend auf RFC 3270) führt bis zu acht Verkehrsklassen (Class-Types CT0 bis CT7) mit eigenen Bandbreiten-Pools (BC0 bis BC7) ein. Wie diese verrechnet werden, regeln zwei Modelle: MAM (Maximum Allocation, jede Klasse hat ein festes Maximum, einfach) und RDM (Russian Dolls, verschachtelte Grenzen, effizienter bei Preemption).

6. Das Skalierungsproblem

RSVP-TE ist ein Soft-State-Protokoll: Jeder Transit-Knoten hält für jeden durchlaufenden LSP Zustand und muss ihn regelmäßig per Refresh erneuern. Bei vielen Tunneln wird das zum Engpass der Steuerebene. Eine viel zitierte Analyse (RFC 5439, allerdings von 2009) nennt eine Größenordnung von rund 50.000 LSPs, ab der ein Knoten mit der Zustandspflege ringt; moderne Geräte liegen höher, die grundsätzliche Charakteristik bleibt.

Erweiterungen mildern den Refresh-Overhead (RFC 2961 mit Summary-Refresh, RFC 8370 mit Hello-basiertem Refresh und Flow-Control), lösen das prinzipielle Problem des per-LSP-Zustands aber nicht. Genau hier setzt der Nachfolger an.

7. Ablösung durch Segment Routing

Segment Routing mit SR-Policy (RFC 9256) erreicht Traffic Engineering ohne per-Hop-Zustand: Der gesamte Pfad steht als Segment-Liste im Paket, Transit-Knoten halten keinen LSP-State und brauchen keinen RSVP-Refresh. Pfade berechnet ein Controller (per PCEP oder BGP). SR-TE reserviert dafür von sich aus keine Bandbreite pro LSP, die TE-Intelligenz liegt in der zentralen Berechnung.

In Bestandsnetzen laufen beide oft parallel; RFC 8426 beschreibt die Koexistenz, damit RSVP-TE den SR-Verkehr in der Bandbreitenrechnung nicht übersieht. Für Neuinstallationen ist SR-TE der eingeschlagene Weg, RSVP-TE bleibt vor allem dort, wo harte Bandbreitenreservierung pro LSP gebraucht wird.

Cisco IOS: TE-Tunnel mit Bandbreite und FRR

interface Tunnel1
 ip unnumbered Loopback0
 tunnel mode mpls traffic-eng
 tunnel destination 10.0.0.9
 tunnel mpls traffic-eng bandwidth 200000   ! kbit/s, hier 200 Mbit/s
 tunnel mpls traffic-eng path-option 10 dynamic
 tunnel mpls traffic-eng fast-reroute

8. Typische Fehler in der Praxis

  • RSVP-Bandbreite vergessen MPLS-TE auf einem Interface zu aktivieren setzt die reservierbare RSVP-Bandbreite oft auf 0. Ohne explizite Konfiguration kommt kein Tunnel mit Bandbreiten-Constraint zustande.
  • Preemption-Defaults Setup-/Hold-Prioritäts-Defaults unterscheiden sich je Hersteller. Im Mischbetrieb verdrängen sich Tunnel sonst unbeabsichtigt; explizit setzen.
  • Auto-Bandwidth zu aggressiv zu kurze Messintervalle führen zu ständiger Re-Signalisierung (Tunnel-Flapping), zu lange zu chronisch unterdimensionierten Tunneln.
  • Falscher Reservierungsstil Facility-FRR und Make-before-break brauchen den Shared-Explicit-Stil; ohne ihn scheitert der Schutz.

9. Stärken und Grenzen

StärkenGrenzen
Harte Bandbreitenreservierung pro LSP auf jedem Transit-KnotenPer-LSP-Zustand auf jedem Knoten, Skalierungsgrenze der Steuerebene
Sehr granulare Pfadkontrolle (ERO, Affinitäten, TE-Metrik)Hohe Konfigurations- und Betriebskomplexität
Fast ReRoute mit Schutz unter 50 msRSVP-Refresh-Overhead, nur teilweise durch RFC 2961/8370 entschärft
DiffServ-aware TE für klassenbezogene QoS-ZusagenKein nativer Controller-Pfad, PCE nur über Zusatzprotokoll
Über 20 Jahre Produktionsreife in Carrier-NetzenSchwierig über Area-/AS-Grenzen; SR-TE ist der modernere Weg

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