Netzwerk & WAN

IS-IS

IS-IS (Intermediate System to Intermediate System) ist ein Link-State-Routing-Protokoll, das die besten Pfade berechnet und dabei unabhängig von IP bleibt.

  • Link-State, TLV-basiert
  • Level 1 / Level 2
  • ISO- und IETF-Standard
  • IPv4 + IPv6 in einer Instanz
  • Carrier-Backbones, SR-fähig
Von Andreas Huser, Technische Beratung & Architektur Aktualisiert am 12 Min. Lesezeit

IS-IS (Intermediate System to Intermediate System) ist ein Link-State-IGP wie OSPF, stammt aber aus der OSI-Welt und braucht kein IP als Träger: Seine Pakete werden direkt in Ethernet-Frames (per LLC) gekapselt, nicht in IP. Jeder Router flutet seine Verbindungen als Link-State-PDUs, alle bauen dieselbe Datenbank auf und berechnen den kürzesten Pfad per SPF.

Dieser Artikel erklärt den TLV-basierten Aufbau (und warum IS-IS dadurch so erweiterbar ist), die Level-1/Level-2-Hierarchie, die NSAP-Adressierung, Wide Metrics und DIS, warum IS-IS in Carrier-Backbones dominiert, wie es Segment Routing trägt und worauf bei Sicherheit, Konvergenz und typischen Fehlern zu achten ist.

1. Wie IS-IS funktioniert

IS-IS ist ein Link-State-Protokoll: Jeder Router beschreibt seine Nachbarn und Präfixe in Link-State-PDUs (LSPs), flutet sie in seiner Ebene und baut so eine identische Datenbank auf, aus der er per Dijkstra den kürzesten Pfad rechnet. So weit ähnelt es OSPF.

Der entscheidende Bauunterschied: IS-IS kodiert alle Informationen in TLVs (Type-Length-Value). Neue Funktionen, etwa Traffic Engineering oder Segment-Routing-Kennungen, lassen sich als zusätzliche TLVs einführen, ohne das Grundformat zu ändern. Außerdem setzt IS-IS nicht auf IP auf: Seine PDUs laufen direkt über Ethernet (LLC), und eine Schnittstelle braucht keine IP-Adresse, damit IS-IS arbeitet.

2. Level 1 und Level 2

IS-IS kennt genau zwei Ebenen. Level 1 macht das Routing innerhalb einer Area, Level 2 bildet das Backbone zwischen den Areas. Ein L1/L2-Router hält beide Datenbanken und verbindet die Ebenen.

Anders als bei OSPF liegt die Area-Grenze hier auf dem Link, nicht auf dem Router: Ein IS-IS-Router gehört vollständig einer Area an. Das vereinfacht die Adressplanung und vermeidet die strikte Abhängigkeit von einer zentralen Backbone-Area. L1-Router folgen für fremde Ziele standardmäßig dem nächsten L1/L2-Router; gezieltes Route Leaking holt bei Bedarf einzelne L2-Routen nach L1.

3. Adressierung: NET und System-ID

Jeder Router wird über eine NET (Network Entity Title) im NSAP-Format identifiziert, zum Beispiel 49.0001.1921.6800.1001.00. Darin steckt die Area-ID, eine netzweit eindeutige 6-Byte-System-ID und der Selektor 00. Die System-ID muss eindeutig sein; die Area-ID gruppiert die L1-Router.

Weil IS-IS-PDUs nicht in IP-Paketen stecken, sondern direkt in Ethernet-Frames (eigene Multicast-MAC-Adressen), ist das Protokoll nicht über IP angreifbar und nicht über IP routbar, ein Sicherheits- und Stabilitätsvorteil im Kern.

4. DIS und Wide Metrics

Auf Broadcast-Segmenten wählt IS-IS einen DIS (Designated Intermediate System), der einen Pseudonode bildet, damit nicht jeder mit jedem volle Beziehungen aufbaut. Anders als bei OSPF gibt es keinen Backup-DIS, und die Wahl ist verdrängend (höhere Priorität übernimmt sofort).

Die ursprüngliche Metrik war nur 6 Bit breit (max. 63). Wide Metrics (RFC 5305) erweitern das auf 24 bzw. 32 Bit und sind Voraussetzung für Traffic Engineering und Segment Routing. Aktuelle Netze setzen ausschließlich Wide Metrics ein.

5. Warum Carrier IS-IS einsetzen, und Segment Routing

IS-IS gilt als sehr stabil und skaliert in flachen, großen Topologien gut. Es trägt IPv4 und IPv6 in einer einzigen Instanz (Multi-Topology nach RFC 5120 erlaubt getrennte Berechnungen je Adressfamilie), kennt keine Area-0-Pflicht und ist über TLVs zukunftsoffen. Das macht es zur typischen Wahl in Service-Provider-Backbones.

Genau diese Erweiterbarkeit zahlt sich beim Segment Routing aus: IS-IS verteilt die Segment-Kennungen über TLVs, für SR-MPLS (RFC 8667) ebenso wie für SRv6 (RFC 9352), inklusive Flexible Algorithm (RFC 9350). Wer Richtung SR plant, kommt an IS-IS oft schneller ans Ziel als über OSPF.

Cisco IOS: IS-IS mit Wide Metrics

router isis
 net 49.0001.1921.6800.1001.00
 is-type level-2-only
 metric-style wide
!
interface GigabitEthernet0/1
 ip router isis
 isis network point-to-point

6. Sicherheit, BFD und Konvergenz

IS-IS unterstützt kryptografische Authentifizierung der PDUs, klassisch HMAC-MD5 (RFC 5304), generisch mit der HMAC-SHA-Familie und Key-Chains (RFC 5310) für unterbrechungsfreien Schlüsselwechsel. Für schnelle Ausfallerkennung wird BFD pro Schnittstelle eingebunden; damit liegt die Erkennung unter 50 ms statt im Bereich der Hold-Timer.

Das Overload-Bit ist ein nützliches Betriebswerkzeug: Setzt ein Router es (etwa beim Start, bis seine Datenbank synchron ist), nehmen die anderen ihn aus dem Transitpfad, nur direkt angeschlossene Präfixe bleiben erreichbar. So übernimmt ein frisch gestarteter Router keinen Verkehr, bevor er bereit ist.

7. Typische Fehler in der Praxis

  • MTU und Hello-Padding IS-IS füllt Hellos auf die volle MTU auf, um Diskrepanzen zu erkennen. Ist Padding abgeschaltet und die MTU uneinheitlich, können LSPs still verworfen werden und die Datenbank bleibt unvollständig.
  • Level- oder Area-Mismatch L1-Nachbarn brauchen dieselbe Area-ID; L1-only gegen L2-only bildet keine Nachbarschaft. Circuit-Type und MTU müssen passen.
  • Narrow statt Wide Metrics wer noch mit der alten 6-Bit-Metrik fährt, kann weder feingranular gewichten noch TE/SR nutzen.
  • Route Leaking ohne Schleifenschutz bei mehreren L1/L2-Routern verhindert das Up/Down-Bit, dass geleakte L2-Routen wieder nach L2 zurückwandern; ohne das entstehen Schleifen.

8. Stärken und Grenzen

StärkenGrenzen
Sehr stabil und skaliert in großen, flachen TopologienAußerhalb von Service-Provider-Netzen seltener, weniger verbreitetes Know-how
TLV-basiert und dadurch leicht erweiterbar (TE, SR, Flex-Algo)Werkzeuge und Community-Wissen geringer als bei OSPF
IPv4 und IPv6 in einer Instanz, keine Area-0-PflichtNur zwei Hierarchie-Ebenen (L1/L2)
Setzt nicht auf IP auf, dadurch nicht über IP angreifbarNSAP-Adressierung wirkt anfangs ungewohnt
Erste Wahl für SR-MPLS und SRv6Route Leaking und Level-Design erfordern bewusste Planung

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