Netzwerk & WAN

EIGRP

EIGRP (Enhanced Interior Gateway Routing Protocol) ist ein Cisco-Routing-Protokoll, das schnelle Konvergenz mit geringem Konfigurationsaufwand verbindet.

  • Advanced Distance Vector (DUAL)
  • Schnelle Konvergenz per Feasible Successor
  • Unequal-Cost Load Balancing
  • Cisco (RFC 7868 informational)
  • Homogene Cisco-Umgebungen
Von Andreas Huser, Technische Beratung & Architektur Aktualisiert am 11 Min. Lesezeit

EIGRP (Enhanced Interior Gateway Routing Protocol) ist Ciscos Routing-Protokoll, das die Einfachheit eines Distanzvektor-Protokolls mit sehr schneller Konvergenz verbindet. Es gilt als Advanced Distance Vector, weil es zwar Distanzen austauscht, aber mit direkter Nachbarschaft, eigener Topologietabelle und nur partiellen Updates arbeitet.

Dieser Artikel erklärt den DUAL-Algorithmus und die Feasibility Condition (das Geheimnis der schnellen Konvergenz), die Metrikberechnung und ihre Grenzen, Stub-Routing und Summarization, das SIA-Problem (Stuck in Active), den Unterschied zwischen Classic und Named Mode sowie den entscheidenden Punkt der Herstellerbindung.

1. Wie EIGRP funktioniert: DUAL

Im Kern arbeitet EIGRP mit dem DUAL-Algorithmus (Diffusing Update Algorithm). DUAL garantiert Schleifenfreiheit zu jedem Zeitpunkt, auch während einer Topologieänderung. Jede Route ist entweder im Zustand PASSIVE (stabil, mindestens ein gültiger Nachbar steht bereit) oder ACTIVE (es wird aktiv nach einem neuen Weg gesucht).

Anders als RIP flutet EIGRP keine periodischen Voll-Updates: Nach der Nachbar-Erkennung über Hellos werden nur noch partielle, gezielte Updates bei Änderungen verschickt. EIGRP läuft dabei direkt über IP (Protokollnummer 88) und sichert seine Updates mit einem eigenen Mechanismus (RTP) über Sequenznummern und Quittungen ab, ohne TCP. Das hält die Last gering.

2. Schnelle Konvergenz: Successor und Feasible Successor

Für jedes Ziel kennt EIGRP den Successor (besten Weg) und idealerweise einen Feasible Successor, einen vorab geprüften, garantiert schleifenfreien Ausweichweg. Die Prüfung erfolgt über die Feasibility Condition: Die vom Nachbarn gemeldete Distanz muss kleiner sein als die eigene bisher beste Gesamtdistanz; dann kann der Nachbar nicht über einen selbst zurückrouten.

Fällt der Successor aus und es gibt einen Feasible Successor, schaltet EIGRP sofort um, im Bereich von unter einer Sekunde, ganz ohne weitere Nachbar-Kommunikation. Erst wenn kein Feasible Successor existiert, geht die Route in den Zustand ACTIVE und EIGRP fragt die Nachbarn ab (Query). Genau dort entstehen Konvergenz- und SIA-Probleme.

3. Metrik und ihre Grenzen

Die klassische EIGRP-Metrik ergibt sich aus der engsten Bandbreite auf dem Pfad und der Summe der Verzögerungen (Delay). Über K-Werte ließen sich auch Last und Zuverlässigkeit einbeziehen, davon ist aber dringend abzuraten, weil diese Werte schwanken und das Routing instabil machen. Default sind K1=1 und K3=1 (Bandbreite und Delay), der Rest 0.

Die klassische 32-Bit-Metrik stößt bei sehr hohen Bandbreiten an eine Grenze: Oberhalb von 10 Gbit/s erhalten alle Links denselben Bandbreitenwert und sind nicht mehr unterscheidbar (1-GbE und 10-GbE noch, 40-GbE und 100-GbE nicht mehr). Abhilfe schaffen die Wide Metrics des Named Mode, die mit 64 Bit rechnen und für 40/100-GbE und darüber ausgelegt sind.

4. Nachbarschaft, Stub und Summarization

EIGRP-Nachbarn finden sich über Hellos; ein wichtiger Stolperstein: die K-Werte müssen auf beiden Seiten übereinstimmen, sonst entsteht keine Nachbarschaft. In Hub-and-Spoke-Netzen ist Stub-Routing zentral: Ein als Stub markierter Spoke wird bei der Wegesuche nicht mehr abgefragt, was den Query-Bereich klein hält. Manuelle Summarization an den Verteilern reduziert den Query-Umfang zusätzlich.

Cisco IOS: EIGRP mit Summarization

router eigrp 100
 network 10.0.0.0 0.0.0.255
 no auto-summary
!
interface GigabitEthernet0/2
 ip summary-address eigrp 100 10.0.0.0 255.255.0.0

Auto-Summary ausschalten

In älteren IOS-Versionen war Auto-Summary an und fasst Routen an Klassengrenzen zusammen, was bei nicht zusammenhängenden Subnetzen Schleifen und Black Holes erzeugt. Seit IOS 15.0(1)M ist es standardmäßig aus; im Zweifel explizit mit no auto-summary deaktivieren und manuell summarisieren.

5. Classic Mode, Named Mode und IPv6

Der Classic Mode verteilt die Konfiguration auf Prozess- und Interface-Ebene. Der neuere Named Mode bündelt alles hierarchisch unter einem benannten Prozess und schaltet die modernen Funktionen frei: Wide Metrics, HMAC-SHA-256-Authentifizierung und IPv6 als Adressfamilie unter einem Prozess (im Classic Mode läuft IPv6 als separater Prozess). Für neue Setups ist der Named Mode die richtige Basis.

6. SIA: Stuck in Active

Geht eine Route in ACTIVE und ein abgefragter Nachbar antwortet nicht rechtzeitig, meldet EIGRP Stuck in Active und setzt die Nachbarschaft zurück. Typische Ursachen sind weit gestreute Queries in großen, flachen Netzen ohne Summarization, langsame oder instabile WAN-Strecken zu Spokes ohne Stub-Konfiguration, überlastete Router oder unidirektionale Verbindungsfehler.

SIA vermeiden

Spokes konsequent als Stub konfigurieren (begrenzt den Query-Bereich), an den Verteilern summarisieren und die Topologie nicht beliebig flach wachsen lassen. So bleiben Queries lokal und die Konvergenz stabil.

7. Herstellerbindung: der entscheidende Punkt

EIGRP ist seit 2016 als informativer RFC 7868 offengelegt, das ist aber kein IETF-Standard, und kein anderer großer Hersteller hat es produktionsreif implementiert. Die quelloffene Suite FRRouting führt EIGRP nur als Alpha. Praktisch heißt das: EIGRP als durchgängiges IGP funktioniert nur in einer reinen Cisco-Welt; sobald Geräte anderer Hersteller mitspielen, bleibt nur der Umweg über Redistribution zu OSPF oder BGP.

8. Stärken und Grenzen

StärkenGrenzen
Sehr schnelle Konvergenz im Normalfall (Feasible Successor)Faktische Cisco-Bindung; in Multi-Vendor-Netzen nicht durchgängig nutzbar
Unequal-Cost-Lastverteilung (variance), die OSPF/IS-IS so nicht bietenSIA-Risiko bei großen, flachen Topologien ohne Stub/Summarization
Geringer Ressourcenbedarf, keine SPF-BerechnungKonvergenz ohne Feasible Successor (ACTIVE/Query) eher langsamer
Einfache Inbetriebnahme in homogenen Cisco-UmgebungenWide Metrics und moderne Funktionen nur im Named Mode
DUAL garantiert jederzeit SchleifenfreiheitK-Werte müssen exakt übereinstimmen, sonst keine Nachbarschaft

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