Virtualisierung

OLVM

OLVM (Oracle Linux Virtualization Manager) ist eine Enterprise-Virtualisierungsplattform auf Basis des quelloffenen oVirt, die KVM-Hosts zentral verwaltet.

  • Redundante Self-Hosted Engine
  • HA, Fencing & VM-Leases
  • NUMA & CPU-Pinning
  • QoS, Affinität & RBAC
  • Kostenlos über Oracle-Repo
Von Andreas Huser, Technische Beratung & Architektur Aktualisiert am 9 Min. Lesezeit

OLVM (Oracle Linux Virtualization Manager) ist Oracles Enterprise-Virtualisierung auf KVM-Basis, aufgebaut auf dem quelloffenen oVirt-Projekt. Eine zentrale Engine verwaltet die Oracle-Linux-KVM-Hosts, vergleichbar mit dem klassischen Modell aus der vSphere-Welt.

Interessant macht OLVM aber nicht die Grundfunktion, sondern die Tiefe der Enterprise-Funktionen: redundante Engine, NUMA- und Affinitäts-Scheduling, granulares QoS, feingranulares RBAC, Verzeichnis-Anbindung, Fencing und der Oracle-Datenbank-Lizenzvorteil über CPU-Pinning. Dazu ist es kostenlos über die Oracle-Linux-Repos verfügbar. Genau diese Alleinstellungsmerkmale stehen hier im Mittelpunkt.

1. Was OLVM ist

OLVM ist eine zentrale Management-Plattform für die KVM-Virtualisierung. Anders als das masterfreie Proxmox-Modell setzt OLVM auf eine zentrale Engine (eine Java-Anwendung auf oVirt-Basis), die Hosts, VMs, Netzwerke und Storage verwaltet und Web-Konsole sowie REST-API bereitstellt.

Die virtuellen Maschinen laufen auf Oracle-Linux-KVM-Hosts mit VDSM-Agent und libvirt. Organisiert wird alles in der Hierarchie Data Center → Cluster → Host: Eine Engine kann mehrere Rechenzentren und Cluster zentral steuern.

2. Was OLVM besonders macht

Diese Funktionen heben OLVM über einen reinen Hypervisor-Manager hinaus und sind seine eigentlichen Alleinstellungsmerkmale:

  • Redundante Engine die Self-Hosted Engine läuft als VM mit Hochverfügbarkeit; fällt ihr Host aus, startet sie automatisch auf einem anderen Host neu.
  • Granulares QoS Limits für CPU, Netzwerk (Bandbreite pro vNIC) und Storage (IOPS und Durchsatz pro virtueller Disk) gegen den Noisy-Neighbour-Effekt.
  • Affinitäts-Scheduling Affinitäts- und Anti-Affinitätsgruppen, Affinity Labels und Cluster-Policies (gleichmäßige Verteilung, Power Saving).
  • NUMA-Optimierung NUMA-Pinning, virtuelle NUMA-Topologie und automatisches Anpassen an den Ziel-Host für latenzkritische Workloads.
  • Feingranulares RBAC Rollen pro Objekt, vererbt über Data Center, Cluster und VM, bis hin zu mandantenähnlicher Trennung.
  • Verzeichnis-Anbindung Active Directory, LDAP, FreeIPA und weitere über das AAA-LDAP-Modul.
  • Inkrementelles Backup eine CBT-basierte Backup-API (produktiv ab OLVM 4.5), in die Enterprise-Backup-Tools wie Veeam, Storware oder Commvault einhaken.
  • Automatisierung (IaC) vollständige REST-API plus gepflegte Ansible-Collection und Terraform-Provider für Infrastructure as Code.
  • SDN mit OVN optionales softwaredefiniertes Netzwerk mit logischen Overlays, Security Groups und IPv6.
  • Eingebautes Monitoring Data Warehouse und Grafana-Dashboards sind ab Werk dabei, kein separates Tool nötig.
  • Oracle-DB-Lizenzvorteil CPU-Pinning als von Oracle anerkanntes Hard Partitioning, siehe Abschnitt unten.
  • Kostenlos über Repo Oracle Linux ist kostenfrei, OLVM wird per dnf aus den Oracle-Repos installiert; Support ist optional.

3. Redundante Engine, Fencing und HA

Die Self-Hosted Engine macht den zentralen Verwaltungspunkt selbst hochverfügbar: Sie läuft als VM, und HA-Agenten auf den Hosts überwachen sie über ein Shared-Storage-Metadaten-Volume. Fällt der Host der Engine aus, startet ein anderer Host sie neu.

Für die VMs greift HA über Fencing: Verliert ein Host die Verbindung zum Manager (non-responsive), wird er über sein Power-Management (IPMI, iDRAC, iLO und weitere Agenten) sauber abgeschaltet und seine HA-VMs starten auf anderen Hosts neu. VM-Leases (Sanlock-basiert) sichern zusätzlich ab, dass eine VM nicht doppelt läuft.

Wichtig fürs Netzdesign: Gefenced wird nur ein als non-responsive eingestufter Host, also einer, den die Engine nicht mehr erreicht. Dafür gibt es mehrere mögliche Auslöser, nicht nur eine gekappte Management-Verbindung. Ein als non-operational markierter Host (etwa wegen fehlender Pflichtnetze oder eines Konfigurationsfehlers) wird dagegen bewusst nicht gefenced, seine VMs werden nach Möglichkeit weg-migriert. Welche Netze welche Rolle tragen, beeinflusst dieses Verhalten und gehört sauber geplant.

4. Scheduling, NUMA und Affinität

OLVM bringt fünf eingebaute Cluster-Scheduling-Policies mit (u. a. gleichmäßige Verteilung und Power Saving) sowie Affinitäts- und Anti-Affinitätsgruppen mit harter oder weicher Durchsetzung. So lassen sich VMs gezielt zusammen- oder auseinanderhalten, etwa für Lizenz- oder Ausfallsicherheitsgründe.

Für leistungskritische Workloads gibt es vollständige NUMA-Unterstützung: vCPUs und Speicher lassen sich an physische NUMA-Knoten binden (Pinning), eine virtuelle NUMA-Topologie an das Gastsystem durchreichen und beim Migrieren automatisch an den Ziel-Host anpassen.

5. QoS, RBAC und Verzeichnisdienste

Das granulare QoS wirkt auf drei Ebenen: CPU-Limit, Netzwerk-Shaping pro vNIC und Storage-QoS mit IOPS- und Durchsatz-Limits pro virtueller Disk. Damit bremst ein einzelner Gast nicht die geteilte Infrastruktur aus.

Das RBAC vergibt Rechte als Tripel aus Benutzer, Objekt und Rolle und vererbt sie entlang der Hierarchie Data Center → Cluster → VM. Benutzer kommen über das AAA-Modul aus Active Directory, LDAP oder FreeIPA. Zusammen ergibt das eine feingranulare, mandantenähnliche Verwaltung.

Über Ressourcen-Quotas pro Data Center lassen sich zusätzlich CPU-, Speicher- und Storage-Kontingente an Benutzer und Gruppen vergeben (kein Cloud-Multi-Tenancy, aber wirksame Kontingentierung mit Soft- und Hard-Limits).

6. Backup und Migration

OLVM bringt eine inkrementelle Backup-API mit Changed Block Tracking mit (produktiv nutzbar ab OLVM 4.5). Sie sichert nur geänderte Datenblöcke und ist die Schnittstelle, über die Enterprise-Backup-Lösungen wie Veeam, Storware oder Commvault OLVM einbinden. Ein eigenes Backup-Werkzeug für den Produktivbetrieb ist es nicht; die Sicherung übernimmt das angebundene Backup-Produkt.

Für die VMware-Ablösung gibt es einen VMware-Import (über einen vCenter-/ESXi-Provider im Portal) auf Basis von virt-v2v, dazu OVA-Import und -Export. Neue VMs entstehen aus Templates mit Cloud-init (Linux) oder Sysprep (Windows); Disks laufender VMs lassen sich per Live Storage Migration zwischen Storage-Domains verschieben.

7. Software-definiertes Netzwerk (OVN)

Neben klassischen logischen Netzen, VLANs und Bonding (LACP) bietet OLVM ein optionales softwaredefiniertes Netzwerk über den OVN-Provider (Open Virtual Network). Damit gibt es logische L2-/L3-Overlays, Security Groups (Firewall-Regeln pro VM), DHCP und IPv6, optional mit IPSec-verschlüsselten Tunneln zwischen den Hosts.

Für latenzarme Netz-Workloads unterstützt OLVM SR-IOV: Eine VM bindet ihre virtuelle Netzwerkkarte direkt an eine Virtual Function der physischen NIC und spart so CPU-Last und Latenz.

8. Automatisierung über API, Ansible und Terraform

OLVM ist vollständig automatisierbar. Jede Funktion der Weboberfläche steht auch über die REST-API bereit, ergänzt um SDKs für Python, Java und Ruby.

Für Infrastructure as Code gibt es eine gepflegte Ansible-Collection (ovirt.ovirt) mit über 60 Modulen sowie einen offiziellen Terraform-Provider. Damit lassen sich Cluster, VMs, Netze und Storage reproduzierbar ausrollen, ein klares Plus für planbaren Betrieb.

9. Performance-VMs und GPU

Für leistungskritische Workloads gibt es den VM-Typ High Performance, der per Klick CPU-Pass-Through, IO-Threads, Headless-Betrieb und das Pinning von IO- und Emulator-Threads setzt, ergänzt um Hugepages und NUMA-Pinning. Wegen des Pinnings ist die Live-Migration solcher VMs eingeschränkt.

Für GPU-Workloads unterstützt OLVM PCI-Passthrough und vGPU über Mediated Devices (z. B. NVIDIA); auch hier schränken durchgereichte Geräte die Live-Migration ein. Für hohe Dichte sorgen KSM (Speicher-Deduplizierung), Memory-Ballooning sowie CPU- und Memory-Hotplug.

10. Monitoring mit Grafana

OLVM bringt Monitoring ab Werk mit: Ein Data Warehouse sammelt und aggregiert die Metriken, und Grafana ist als Monitoring-Portal integriert, mit rund zwei Dutzend vorkonfigurierten Dashboards für Data Center, Cluster, Hosts und VMs. Für den Einstieg ist kein separates Monitoring-Tool nötig.

11. Storage-Anbindung

Als Storage-Domains sind NFS, iSCSI (mit Multipath über iSCSI-Bonding) und Fibre Channel (mit Multipath) sowie lokaler Storage offiziell dokumentiert. iSCSI- und FC-Pfade sind also redundant auslegbar.

Auch Ceph lässt sich anbinden, und zwar auf dem dokumentierten Pfad: Ceph bringt ein NFS-Gateway mit (CephFS über nfs-ganesha, optional Objektspeicher über RGW). Da NFS eine unterstützte OLVM-Storage-Domain ist, kommt verteilter Ceph-Speicher so direkt über die Engine in OLVM, je nach Setup samt NFS-Stärken wie pNFS und NFS over RDMA. Die Engine muss Ceph dafür nicht nativ sprechen.

12. Oracle-Datenbank: CPU-Pinning und Lizenzierung

Ein echter Sonderfall: Oracle erkennt Oracle Linux KVM (mit OLVM) als Hard-Partitioning-Technologie an. Über CPU-Pinning lassen sich Oracle-Datenbank-Lizenzen damit auf die gepinnten Kerne statt auf den ganzen Host begrenzen, ein potenziell erheblicher Kostenvorteil.

Lizenzierung bewusst planen (keine Rechtsberatung)

Die Anerkennung gilt nur unter Bedingungen: Das Pinning wird mit dem Oracle-Tool olvm-vmcontrol gesetzt und dokumentiert, und eine Live-Migration der gepinnten VM hebt den Hard-Partitioning-Status auf. Maßgeblich ist die jeweils aktuelle Oracle-Partitioning-Policy. Das ist keine Rechtsberatung; die Lizenzlage sollte vor dem Einsatz juristisch abgesichert werden.

13. Stretch Cluster und Disaster Recovery

OLVM unterstützt zwei DR-Modelle. Beim Active-Active (Stretch Cluster) spannt sich ein Cluster über zwei Standorte; VMs ziehen bei Ausfall automatisch um. Voraussetzung sind synchron replizierter, beidseitig beschreibbarer Storage, L2-Konnektivität und niedrige Latenz (Richtwert bis 7 ms bei Self-Hosted Engine).

Beim Active-Passive stehen zwei getrennte OLVM-Umgebungen, das Failover läuft per Ansible-Playbook. Eine Einschränkung des Stretch-Modells: Kann beim Site-Ausfall der Storage-Pool-Manager nicht gefenced werden, sind bestimmte Storage-Operationen blockiert. Das gehört in die DR-Planung.

14. Kostenlos und über Repo installierbar

Oracle Linux ist vollständig kostenfrei nutzbar, inklusive Sicherheits-Updates aus den öffentlichen Repos. OLVM wird ohne separaten Kauf direkt darüber installiert: ein Release-Meta-Paket (z. B. oracle-ovirt-release-45-el8) aktiviert die nötigen Repos, danach folgt die Engine per dnf.

Kostenpflichtig ist nur der optionale Oracle-Linux-Support (mit Ksplice für Kernel-Patching ohne Neustart). Für den Betrieb von OLVM ist er nicht zwingend. Host-Provisionierung lässt sich zusätzlich über Foreman/Katello (als External Provider) automatisieren.

15. Stärken und Grenzen

StärkenGrenzen
Zentrale Engine mit redundanter Self-Hosted-Variante, Fencing und VM-LeasesBraucht eine separate Engine-Instanz; schwergewichtiger als masterfreie Plattformen
Granulares QoS (CPU/Netz/Storage), NUMA- und Affinitäts-SchedulingFür sehr kleine Umgebungen ohne Enterprise-SLA-Bedarf überdimensioniert
Feingranulares RBAC mit AD-/LDAP-/FreeIPA-AnbindungKein nativer Ceph-Storage-Typ; Ceph wird über dessen NFS-Gateway als NFS-Domain eingebunden
Oracle-Datenbank-Lizenzvorteil über CPU-Pinning (Hard Partitioning)Mehr Betriebs- und Lernaufwand als eine schlanke Einzel-Cluster-Lösung
Kostenlos über die Oracle-Linux-Repos, inkl. Monitoring (Grafana) ab WerkSelf-Hosted Engine, Fencing und HA erfordern sorgfältige Netz- und Power-Management-Planung

Häufige Fragen zu OLVM

Die Tiefe der Enterprise-Funktionen: redundante Self-Hosted Engine, granulares QoS (CPU/Netz/Storage), NUMA- und Affinitäts-Scheduling, feingranulares RBAC, LDAP/AD-Anbindung, Fencing mit VM-Leases und der Oracle-Datenbank-Lizenzvorteil über CPU-Pinning, kostenlos über die Oracle-Linux-Repos.

Ja, über die Self-Hosted Engine. Sie läuft als VM, wird von HA-Agenten überwacht und startet bei Host-Ausfall automatisch auf einem anderen Host neu.

Oracle erkennt Oracle Linux KVM mit CPU-Pinning als Hard Partitioning an, womit sich DB-Lizenzen auf gepinnte Kerne begrenzen lassen. Bedingung: das Tool olvm-vmcontrol und keine Live-Migration der gepinnten VM. Maßgeblich ist die aktuelle Oracle-Policy; lizenzrechtlich absichern.

Sobald die Engine einen Host nicht mehr erreicht (non-responsive), und das kann mehrere Ursachen haben, nicht nur eine gekappte Management-Verbindung. Dann wird er über sein Power-Management abgeschaltet und seine HA-VMs starten woanders; VM-Leases verhindern Doppelstarts. Fehlt einem Host dagegen nur ein Pflichtnetz oder liegt ein Konfigurationsfehler vor (non-operational), wird bewusst nicht gefenced.

Ja, für iSCSI (über iSCSI-Bonding) und Fibre Channel lassen sich redundante Pfade auslegen.

Ja, am saubersten über das NFS-Gateway von Ceph: CephFS (oder RGW) wird per nfs-ganesha als NFS exportiert und in OLVM als NFS-Storage-Domain eingebunden, also auf dem dokumentierten, unterstützten Pfad, optional mit pNFS und NFS over RDMA.

Oracle Linux und OLVM sind kostenfrei über die Oracle-Repos nutzbar. Kostenpflichtig ist nur der optionale Oracle-Linux-Support; eine separate OLVM-Lizenzgebühr gibt es nicht.

Über eine inkrementelle Backup-API mit Changed Block Tracking (produktiv ab OLVM 4.5). Sie sichert nur geänderte Blöcke; die eigentliche Sicherung übernehmen angebundene Backup-Produkte wie Veeam, Storware oder Commvault.

Ja, vollständig. Es gibt eine REST-API, SDKs für Python, Java und Ruby, eine gepflegte Ansible-Collection (ovirt.ovirt) und einen Terraform-Provider für Infrastructure as Code.

Ja: PCI-Passthrough, vGPU über Mediated Devices (z. B. NVIDIA) und SR-IOV für Netzwerk. Durchgereichte Geräte schränken allerdings die Live-Migration ein.

Ja. Ein Data Warehouse und Grafana-Dashboards sind ab Werk integriert (Standard seit oVirt 4.4), mit vorkonfigurierten Ansichten für Data Center, Cluster, Hosts und VMs.

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